Halbzeit
- pablomoermann
- 9. März 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Dez. 2025

Diesmal ist es mir gar nicht so nach dem Schreiben, obwohl ich viel erlebt habe. Aber vorhin ist es mir so richtig klar geworden, dass es nicht das Schreiben ist, sondern das Thema. Mein Ziel von diesem Blog war nicht nur, einen einfachen Reisebericht zu gestalten, sondern darüber zu schreiben, was mich gerade beschäftigt. Daher muss ich leider die Leserinnen und Leser enttäuschen, die gehofft hatten, dass sie erfahren, was ich mal wieder gesehen und wen ich alles getroffen habe - ein paar Geschichten muss ich mir ja auch aufsparen für meine zukünftigen Lagerfeuer-Anekdoten-
Der Februar ist vorbei und damit habe ich den sechsten Monat abgeschlossen und ich kann wirklich auf einiges zurückblicken. Dieses halbe Jahr fühlt sich viel kürzer an, als es eigentlich war, und vor allem, sobald ich meine Galerie öffne und die Bilder sehe, dann merke ich erstmal, wie viel eigentlich passierte. Aber dabei fiel mir auf, was sich so alles geändert hat, und zwar im Hinblick auf meinen Lebensstil zu Hause.
Punkt 1: Die Menschen
Italiener und vor allem Römer, das sind einfach andere Menschen. Auf den ersten Blick scheint der Römer für den Touristen ein wenig mürrisch und unfreundlich, aber langsam verstehe ich das auch, jetzt, wo ich selber hier lebe. Das Leben hier ist immer ganz nach dem Motto "piano, piano". In Rom macht keiner einen Plan, denn es hält sich sowieso keiner dran. Man nimmt sich einfach die Zeit für die Aufgabe und das ist auch der Hauptunterschied, sich bewusst für etwas Zeit nehmen. Zum Beispiel der kurze Espresso:
Man geht bewusst in eine Bar rein und begrüßt erstmal alle zusammen und wenn man bereits ein paar mal da war, dann fragt man auch erstmal, wie es einem geht. Man wartet, bis man gefragt wird, was man möchte, bestellt und redet ein bisschen, während man wartet. Ein Kaffee TO-Go ist eine Todsünde, das kostet sogar mehr in den meisten Bars. Man schaut auf die Uhr und hält sich an die Kaffeezeiten, und so bestellt man nach dem Angelus auch keinen Cappuccino mehr. Es wird sich ein bisschen unterhalten und meistens legt man dann schon das Geld raus.
Trotz der mürrischen Blicke sind alle sehr freundlich, aber klar, wen du schon wegen des zwanzigsten Selfies anhalten musst oder warten sollst. Oder man gar nicht erst vorankommt, weil vier zwei Leute den ganzen Gehweg einnehmen, dann hat man keine Lust mehr freundlich zu gucken. Ich muss auf so vielen Kühlschränken hängen und in so vielen Hochzeitsalben, das wäre echt mal interessant, die alle zu sehen. Man schafft es gar nicht, nicht auf einem Foto zu sein. Aber klar, ich kann es auch verstehen, bei meinem ersten Mal Rom war ich auch so ein Tourist, das ist ganz normal.
Aber man sieht den Zusammenhalt beispielsweise in den Bussen. Wenn dieser mal wieder zu voll ist und es nicht möglich ist, zum Automaten zu gelangen, um die Karte abzustempeln, dann wird einfach eine Menschenkette gebildet. Ähnlich einer Wasserkette bei einem Großbrand, wird das Ticket von Person zu Person weitergereicht, bis jeder eines mit Stempel in der Hand hält. Man muss einfach nur nett fragen.
Auch die Restaurant Anwerber haben irgendwann verstanden, dass dieses Gesicht hier wohnt und aus "Calcosa da bere" wird ein "Come stai".
Bei den ganzen Obdachlosen in der Stadt kann man bei weitem nicht jedem etwas aus dem Geldbeutel geben, denn dann hat man sehr schnell nichts mehr dabei. Aber was man geben kann, ist ein "Buongiorno; Buona sera; Salve; ...".
Worauf ich hinaus möchte, ist, dass es hier in Rom einfach ein anderes Verständnis von Alltags-Freundlichkeit gibt und auch einfach eine ganz andere entspanntere Sicht auf das Leben.
Punkt 2: Kleider machen Leute
Der italienische Stil ist einfach eleganter, ohne Frage. Mittlerweile trage ich auch jeden Tag ein gebügeltes Hemd, anständige Hose und angemessene Schuhe. So, das klingt jetzt auf den ersten Blick ja total spießig und altbacken, dachte ich auch. Aber ich habe es mittlerweile verstanden, denn es macht jeder so. Denn sich angemessen zu kleiden ist auch ein Zeichen von Respekt gegenüber dem anderen und vor allem auch ein Indikator, wann der Tag vorbei ist. Denn wenn man dann die Kleidung ändert zur gemütlichen Couch-Potato, dann kann man auch wirklich abschalten. Daher trage ich gerade auch noch mein Hemd, denn ich bin einfach noch nicht fertig mit meinen Aufgaben für heute, wie dem Blogeintrag.
Wichtig zu sagen ist hierbei, dass es egal ist, ob die Kleider von irgendeiner Marke sind oder sonstiges. Ein weißes Hemd ist ein weißes Hemd, egal ob von H&M, Zara, Olymp, Hugo Boss, etc … und auch die Farbe ist egal. Nur weil es einen "ungeschriebenen Dresscode" gibt, heißt es nicht, dass automatisch der individuelle Style ausstirbt.
Es gibt nämlich auch dadurch kaum noch den Effekt von Statussymbolen. Keiner kann hier mit besonders teuren Sachen strahlen und Autos fährt sowieso keiner ein teures.
Punkt 3: Freiheit
Ich muss vorneweg ehrlich sagen, dass ich ja nicht ganz alleine wohne. Ich kann jederzeit rüber ins Kolleg gehen und finde dort immer drei Mahlzeiten pro Tag und Gesellschaft, wenn ich möchte. Aber ich nehme das nicht jeden Tag in Anspruch. Also ich nenne das hier eher wie ein betreutes Wohnen :)
Sprache. Ich habe innerhalb von zwei Monaten in der Sprachschule Italienisch gelernt und mit der Sprache des Landes eröffnen sich so viele Möglichkeiten. Zum einen kann man einfach mit allen reden, den Mitarbeitern von hier oder im Vatikan, den Obdachlosen, den Menschen im Restaurant, im Supermarkt, … Aber auch beim Reisen hilft es in jeder Hinsicht. Als wir für drei Tage in Venedig waren, war es auch viel einfacher damit. Jedes Schild oder Ausruf am Bahnhof versteht man oder auch den Kellner vom Bordbistro.
Aber auch die Verantwortung, wenn man mal alleine unterwegs ist. Denn wenn man nicht mitbekommen hat, dass heute eine Demonstration die Innenstadt und damit die Busse blockiert, dann läuft man halt mal eineinhalb Stunden nach Hause.
Punkt 4: Erfahrungen
Einsamkeit ist vielleicht ein zu harter Begriff, aber ich wurde oft nach diesem gefragt. Als ich gesagt habe, dass ich in diesem Jahr nicht einmal nach Hause kommen werde, da habe ich das auch so gemeint. Jetzt muss ich auch ehrlich sagen, dass natürlich mein Zuhause nach Rom gekommen ist, um mich zu besuchen, und ich sie natürlich auch vermisse. Doch trotzdem wollte ich diese Herausforderung für mich. "Man ist nie alleine" ist wahr und gelogen zugleich. Man findet immer irgendwie und irgendwo einen Anschluss. Wenn man ganz auf sich gestellt in eine neue soziale Gesellschaft geht, dann lernt man einiges. Ich kann es nur jedem empfehlen, diese Erfahrung zu machen, und ich freue mich noch auf die kommenden im nächsten halben Jahr.
Ich habe meinen 19. Geburtstag in Rom gefeiert und damit den zweiten in Folge. Ich verbringe quasi mein ganzes 19. Lebensjahr an einem ursprünglich fremden Ort und wenn ich nach Hause zurückkehre, dann bin ich nicht nur um ein Jahr auf dem Perso älter.
Nun werde ich im nächsten Newsletter wieder zurück zum alten Format kehren und wieder von Rom und meinen Reisen berichten. Aber eine Variante dieser Art wird es erst wieder am Ende geben und darauf könnt ihr euch freuen, denn dann gibt es ein Vorher-Nachher-Bild :)
Dieses Bild wird es in sich haben.....
A dopo,
Pablo



Einfach klasse geschrieben, die Stadt und ihre Menschen sehr gut beschrieben!