Mein Jahr in Rom - Der Abschluss
- pablomoermann
- 6. Juli 2025
- 5 Min. Lesezeit
Warum bin ich gegangen?
Vorneweg: Ja, das hier ist der Abschlussbericht. Mit dem Ende meiner Zeit in Rom endet auch dieser Blog hier. Also auch als kleiner Anstoß für alle Leser, dass ihr meinen Blog bereits seit einem ¾ Jahr lest und vielleicht auch selbst mal diese Zeit in eurem Leben Revue passieren lasst. Denn ich habe gemerkt, dass ganz schön viel passieren kann in dieser vermeintlich kurzen Zeit.
Also fangen wir ganz vorne an und überlegen mal, warum ich gegangen bin. Ich habe das Abi gemacht und war plötzlich in meinem eigenen „erwachsenen“ Leben. Ein paar Monate Stress, Lernen und Prüfungen und tada, du bist fertig: „Herzlichen Glückwunsch zum Abitur" und los geht’s, auf in die weite Welt. Was jetzt? Also gut, ich soll jetzt erwachsen sein, also gehe ich los und will was erleben. Nebenbei möchte ich noch die Welt verändern.
Sachen packen, Aufbruch, Flugzeug und weg. So stellt man sich das vor, aber dann trifft einen schnell die Realität, spätestens bei der ganzen Bürokratie. Neue ungeplante Probleme treten auf:
Wo geht es hin?
Wie finanziere ich das?
Welche Organisation nehme ich?
Wie muss ich mich bewerben?
Was mache ich vor Ort? Wo geht es eigentlich nochmal hin?
Ich habe all das natürlich geschafft, sonst wären wir ja jetzt gar nicht an diesem Punkt angekommen. Aber ich möchte euch heute einen ganz anderen Einblick geben. Ich habe euch in meinen Beiträgen eine Menge über meine Erlebnisse berichtet und natürlich habe ich mir noch ein paar Lagerfeuergeschichten aufgehoben. Nein, das hier wird diesmal kein Erlebnisbericht über das ganze Jahr, sondern ein Entwicklungsbericht. Darüber, wie ich mich verändert habe.
Daher starten wir dort, wo alles angefangen hat, am Flughafen von Stuttgart.

Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: mein altes Ich. Ein wenig verängstigt, denn er weiß nicht, was ihn erwartet – ich möchte hierbei anfügen, dass ich wirklich nichts wusste. Ich wusste nicht, wo ich wohnen werde, wie ich wohnen werde oder wie die Versorgung und Bezahlung sind. Ich kannte die Adresse, wo ich melden darf, die hatte ich fürs Taxi auf eine Brottüte geschrieben –
Der junge Mann auf dem Foto sieht auch etwas aufgeregt aus und sehr bunt angezogen. Das lag daran, dass er sich großkotzig und gewaltig mit dem Gewicht seines Koffers verschätzte und daher gezwungen war, das anzuziehen, was nicht hineinpasste. Also flog er in seinem sehr warmen Wintermantel bei 30 Grad. Er wurde daher auch „rein zufällig“ ausgewählt für eine Sprengstoffkontrolle.
Zu meinem Glück in Rom angekommen stellte ich fest, dass ich in einem sehr großen Haus mit einer Gemeinschaft aus insgesamt 30 Personen zusammenlebe. Anders als die meisten hatte ich eine kleine Wohnung mit einer Küche, und daher gab ich dem Ganzen den Namen eines „betreuten Erwachsenwerdens“. Ganz dem Vorbild einer betreuten Wohneinrichtung für ältere Menschen konnte ich entsprechend des Bedarfs Pflege, Essen und Unterhaltung hinzubuchen und wurde nicht direkt ins kalte Wasser geworfen. Es gab die Möglichkeit von drei Mahlzeiten am Tag, bei Krankheit einen Menüservice an der Tür (durch die Schwestern) und verschiedene (geistliche) Programmpunkte. Aber auch einfach nur mal einen gemütlichen Abend auf der Dachterrasse oder eines Brettspiels am Sonntagnachmittag.
Und so durfte ich Stück für Stück in die Selbstständigkeit hineinwachsen.

Gehen wir mal einen Schritt weiter.
Gleich in der ersten Woche durfte ich den ersten Kardinal kennenlernen und dachte auch, das würde der einzige bleiben. Ich hatte die Ehre, Kardinal Koch noch einige weitere Male treffen zu dürfen.
Hierbei sieht man ideal, dass ich mit der römischen Kleiderordnung noch nicht ganz fit war. Ich habe gemeinsam mit meiner Mama noch gewitzelt, wozu ich einen Anzug brauchen könnte, und entschied mich bloß für eine schwarze Chino, ein weißes Hemd und die Weste – „Falls ich mal auf ’ne Beerdigung muss“, sagte ich noch …
Da diese Kombi gerade mal das Nötigste war und es dazu führte, dass ich dieses Hemd innerhalb einer Woche 4 Mal waschen musste, habe ich meine Garderobe angemessen aufgestockt.







Der ein oder andere kennt dieses Bild vielleicht noch aus der NWZ :)

Im April ging es dann für mich das erste Mal ganz alleine auf Reisen. Ich hatte bei der EuYouth-Ausschreibung für das Interrail-Ticket gewonnen und plante daher einen Italy-Roadtrip. Das Alleinereisen hatte mich persönlich nochmal ganz vorangebracht und ich bin auch absoluter Fan davon geworden. Natürlich ist ein Urlaub mit Freunden und Familie sehr schön, aber wenn man ganz alleine unterwegs ist, dann erkundet man die Welt nochmal auf andere Art und Weise. Apropos zum Thema Reisen: Ich war innerhalb von 9 Monaten in all diesen Städten: Rom, Anagni, Munagno, Monte Cassino, Venedig, Tivoli, Turin, Bologna, Florenz, Fossa Nova, Nettuno.




Das große Fazit
Jetzt, wo der Abschlussbericht tatsächlich zu einem Ende kommt, möchte ich noch einmal einen Schritt zurücktreten – nicht an den Anfang dieses Blogs, sondern an den Anfang dieses Jahres.
In meiner allerersten Zeile schrieb ich: „Vorneweg, ja, das hier ist der Abschlussbericht.“ Und jetzt ist es so weit. Hinter mir liegen nicht nur neun Monate in einer neuen Stadt, sondern auch ein Abschnitt, der mich stärker verändert hat, als ich je erwartet hätte.
Damals dachte ich, ich fliege los, um etwas zu erleben. Heute merke ich, dass ich vor allem geflogen bin, um mich selbst zu entdecken. Und so schließt sich der Kreis.
Zeit also, Bilanz zu ziehen – nicht nur über das, was ich gemacht habe, sondern auch darüber, wer ich in dieser Zeit geworden bin.
Um den Elefanten im Raum mal direkt anzusprechen: Ja, die Haare. Im Verlauf der Bilder sieht man eindeutig, dass ich sie habe wachsen lassen – wohl die auffälligste Veränderung an mir.
Wir müssen wohl nicht extra erwähnen, dass ich zusammen mit dem Heiligen Jahr und der Papstwahl das wohl ereignisreichste Jahr in Rom erlebt habe. Mehr kirchliche Highlights auf einmal gibt es kaum – und das Beste: Alles war in nur 20 Minuten zu Fuß erreichbar.
Der Junge am Flughafen, der Angst hatte, weil er überhaupt nicht wusste, was ihn erwartet, den gibt es nicht mehr. Den habe ich in Rom zurückgelassen und gemeinsam mit dem Papst in Frieden ruhen lassen. Ich habe gelernt, dass man im Leben nicht alles vorhersagen oder planen kann, und löse dieses Problem auf italienische Art und Weise – ganz locker mit einem Espresso in der Hand.
Die Welt erleben durfte ich auch. Ich habe die Sprache lernen dürfen und konnte mich in dem Land ganz frei bewegen, ohne eine einzige Einschränkung. Gerade auf Reisen habe ich so viele einzigartige Momente mit den Italienern gehabt, die ich als Tourist nicht bekommen hätte – da wäre das Gespräch mit dem Supermarktverkäufer über den Mann, der sein Shirt auszog, dabei gewesen.
Ich habe auch lernen dürfen, dass man nicht immer aus Fehlern lernt, und so stand ich bei der Abreise wieder da und dachte, das Koffergewicht reicht locker. Tja, stolze 27 kg, 10 kg, Cordanzug, Jackett-Taschen befüllt, Winterjacke mit sämtlichen Taschen voll, Lederjacke auf dem Arm und zweite Jacke als Innenfutter der Lederjacke und weiteren 11 kg auf dem Rücken.
Aber kommen wir ganz zum Schluss zu meinem Ideal, dass ich die Welt verändern möchte. Ich habe so viele verschiedene, wunderbare und schreckliche Menschen zugleich kennenlernen dürfen. Die Wunderbaren (bspw. meine lieben kroatischen Schwestern, die Hausgemeinschaft, die Mitarbeiter, die Capitolina, die Malteser, das Pilgerzentrum) haben mir geholfen, mehr über mich lernen zu dürfen und mehr darüber, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Auch die Arbeit mit sozial Benachteiligten hat mir dabei sehr geholfen. All dies waren Dinge, die man in dem winzig kleinen Kosmos des Schullebens nie lernen kann, denn dafür ist er gar nicht ausgelegt!
Und ich ziehe nun den Schlussstrich unter mein FSJ, denn:
"Ich habe es jetzt verstanden! Ich verändere nicht die Welt, sondern die Sicht der Wunderbaren auf die Welt."
~Pablo



Danke, dass ich an Deinem Bericht und etwas an Deiner Entwicklung teilhaben durfte.
Ein sehr guter Ansatz der Berichterstattung